Gebündelte Aluminium-Rundstangen im Lager, nach Legierung farbcodierte Stirnseiten mit Chargenetiketten

6060, 6082, 2007 oder 6026 LF: Welche Aluminiumlegierung passt zu Ihrem Bauteil?

„Nimm 6082, das geht immer.“ Der Satz fällt in fast jeder Konstruktionsabteilung, und er ist meistens nicht falsch. Aber er kostet regelmäßig Geld – weil eine Legierung gewählt wird, die sich schlecht zerspanen lässt, wo Zerspanbarkeit der Kostentreiber ist. Oder umgekehrt: weil eine Automatenlegierung im Außeneinsatz landet, wo sie nichts zu suchen hat.

Dieser Beitrag ist eine Entscheidungshilfe. Er beantwortet nicht, welche Legierung „die beste“ ist, sondern welche zu Ihrem Bauteil passt – und welchen Zustand und welche Lieferform Sie dazu bestellen müssen.

Vier Fragen vor der Werkstoffwahl

Wer diese vier Fragen beantwortet hat, kommt in den meisten Fällen ohne Umwege zur richtigen Legierung.

  1. Wie hoch ist der Zerspanungsanteil? Wird aus einer Stange ein Drehteil mit 70 % Zerspanungsvolumen, dominiert die Zerspanbarkeit die Kosten. Wird ein Profil nur abgelängt und gebohrt, ist sie fast egal.
  2. Welche Festigkeit brauchen Sie wirklich? Zwischen EN AW-6060 und EN AW-7075 liegt beim Streckgrenzenniveau etwa der Faktor fünf – und ein erheblicher Preisunterschied.
  3. Wo wird das Bauteil eingesetzt? Innen, außen, maritim, mit Medienkontakt? Kupferhaltige Legierungen der 2000er-Reihe sind korrosionsanfällig, die 5000er- und 6000er-Reihen nicht.
  4. Was passiert nach der Zerspanung? Eloxieren, Schweißen, Kleben, Lackieren? Diese Frage entscheidet häufiger über die Legierung als die Festigkeit – und wird am häufigsten zu spät gestellt.

Die Legierungsgruppen in einem Absatz

GruppeHauptlegierungselementCharakterTypische Vertreter
1xxxReinaluminiumweich, höchste Leitfähigkeit, sehr gut umformbar, schlecht zerspanbar1050A, 1070A
2xxxKupferhohe Festigkeit, gut bis sehr gut zerspanbar, korrosionsanfällig, schlecht eloxierbar2007, 2011, 2017A, 2024, 2030, 2033, 2077
5xxxMagnesiumseewasserbeständig, sehr gut schweißbar, nicht aushärtbar5754, 5083
6xxxMagnesium und Siliziumder Allrounder: mittlere Festigkeit, gute Korrosionsbeständigkeit, gut eloxier- und schweißbar6060, 6063, 6061, 6082, 6026, 6262A
7xxxZinkhöchste Festigkeit, schlecht schweißbar, korrosionsanfällig7020, 7075

Innerhalb der 2000er- und 6000er-Reihe gibt es jeweils zwei Familien: die Konstruktionslegierungen und die Automatenlegierungen mit Zusätzen, die den Span brechen. Das ist der Unterschied zwischen 6082 und 6026, oder zwischen 2017A und 2007.

Der Entscheidungsbaum

Sie zerspanen viel und brauchen kurze Späne?

  • Festigkeit bis rund 300 MPa Streckgrenze, gute Korrosionsbeständigkeit, eloxierbar → EN AW-6026 in der Ausführung LF oder EN AW-6262A
  • Höhere Festigkeit, Eloxieren zweitrangig → EN AW-2033 (bleifrei) oder EN AW-2007 / 2011 (bleihaltig)
  • Höchste Festigkeitsanforderung → EN AW-2077

Sie zerspanen wenig, das Bauteil trägt Last?

  • Standardfall Maschinenbau, geschweißt oder nicht → EN AW-6082
  • Ähnliches Profil, etwas duktiler, international gängig → EN AW-6061
  • Sehr hohe Festigkeit, nicht geschweißt → EN AW-7075
  • Nietkonstruktion, Luftfahrtnähe → EN AW-2017A oder 2024

Sie formen um oder schweißen viel?

  • Seewasser, Behälterbau, stark geschweißt → EN AW-5754 oder 5083
  • Präzisionsprofile, eloxierte Sichtteile → EN AW-6060 oder 6063

Die Kennwerttabelle

Bewertungen aus unseren Werkstoffdatenblättern, Stand 08/2026. „Zerspanungsindex“ ist die Zahl der Späne je 100 g Zerspanungsvolumen – je höher, desto kürzer die Späne.

LegierungKurzzeichenDichteZerspanbarkeitZerspanungs­indexKaltumformungAtmosph. KorrosionDekorativ eloxierenHart­anodisierenMIG/WIG
EN AW-6082AlSi1MgMn2,71mittel—mittelsehr gutgutsehr gutsehr gut
EN AW-6061AlMg1SiCu2,71mittel—mittelsehr gutgutsehr gutsehr gut
EN AW-6026 LFAlMgSiBi2,74gut3.500geringgut—gutgut
EN AW-6262AAlMg1SiSn—gut—mittelgutgutsehr gutgut
EN AW-6023AlSi1Sn1MgBi—sehr gut7.000—gut—gutgut
EN AW-6020——sehr gut6.000—gut———
EN AW-2033AlCu2,5BiMnMg2,77sehr gut—mittel (T3/T6)mittelmittelmittelweniger geeignet
EN AW-2007AlCu4PbMgMn2,85gut—weniger geeignetmittelweniger geeignetweniger geeignetweniger geeignet
EN AW-2011AlCu6BiPb2,83sehr gut—mittelmittelweniger geeignetweniger geeignetweniger geeignet
EN AW-2017AAlCu4MgSi(A)2,79mittel—weniger geeignetmittelweniger geeignetweniger geeignetmittel
EN AW-2024AlCu4Mg12,79mittel—weniger geeignetmittelweniger geeignetweniger geeignetmittel
EN AW-7075AlZn5,5MgCu2,80mittel—weniger geeignetgutgutsehr gutmittel

„—“ bedeutet, dass das jeweilige Datenblatt zu diesem Punkt keine Bewertung ausweist. Die vollständigen Datenblätter mit Zusammensetzung, mechanischen Kennwerten und Abmessungsbereichen finden Sie im Beitrag Bleifreie Aluminium-Automatenlegierungen zum Download.

Die Tabelle zeigt das Grundmuster: Die 2000er-Reihe zerspant gut und eloxiert schlecht. Die 6000er-Reihe ist umgekehrt. Wer beides braucht, landet bei den 6000er-Automatenlegierungen – sie sind der Kompromiss, den es vor zwanzig Jahren so nicht gab.

Zustände – und warum sie über den Verzug entscheiden

Der Zustand nach EN 515 ist keine Nebenangabe. Er entscheidet über Festigkeit, Zerspanbarkeit und vor allem über den Verzug beim Ausräumen von Material.

ZustandBedeutungWann sinnvoll
FHerstellungszustand, keine festgelegten Eigenschaftenwenn nachbehandelt wird
Oweichgeglühtvor Umformoperationen
T4lösungsgeglüht, kaltausgelagertwenn nach der Bearbeitung noch umgeformt wird
T6lösungsgeglüht, warmausgelagertStandardfall für tragende Bauteile – höchste Festigkeit
T651wie T6, zusätzlich durch kontrolliertes Recken entspanntimmer, wenn viel Material ausgeräumt wird
T8lösungsgeglüht, kaltumgeformt, warmausgelagerthöhere Streckgrenze, geringere Bruchdehnung

Der Punkt, der in der Praxis am meisten Geld kostet: Eine dickwandige Platte oder Stange im Zustand T6 trägt Eigenspannungen aus dem Abschrecken. Wird beim Fräsen oder Drehen einseitig Material abgetragen, verzieht sich das Bauteil – teilweise erst Stunden später. T651 löst genau dieses Problem, weil das Material nach dem Abschrecken kontrolliert gereckt und dadurch entspannt wird.

Wer T651 nicht ausdrücklich bestellt, bekommt es auch nicht. Bei Platten für den Formen- und Vorrichtungsbau gehört die Angabe in jede Bestellung.

Lieferform und Toleranz – die unterschätzte Entscheidung

Dieselbe Legierung verhält sich völlig verschieden, je nachdem ob sie stranggepresst oder gezogen ist. Für den Durchmesser einer Rundstange gilt nach EN 755-3 (stranggepresst) eine Einteilung in zwei Legierungsgruppen:

DurchmesserGruppe 1: 6060, 6061, 6082, 6262, 6012 …Gruppe 2: 2007, 2011, 2017A, 2024, 2030, 7075 …Unterschied
8 – 18 mm± 0,22 mm± 0,30 mm+ 36 %
25 – 40 mm± 0,30 mm± 0,40 mm+ 33 %
50 – 65 mm± 0,40 mm± 0,50 mm+ 25 %
80 – 100 mm± 0,55 mm± 0,90 mm+ 64 %
150 – 180 mm± 1,00 mm± 1,40 mm+ 40 %

Hochfeste Legierungen brauchen höhere Presskräfte, das Werkzeug weitet sich stärker auf, die Streuung wächst. Wer eng toleriert arbeiten will, greift zu gezogener Ware nach EN 754-3 – dort liegen die Grenzabmaße bis rund 65 mm Durchmesser auf dem Niveau von h11, also etwa −0,11 mm bei Ø 10 bis 18 mm gegenüber ±0,22 mm gepresst.

Größenordnungen nach den uns vorliegenden Unterlagen; verbindlich ist die jeweils gültige Normausgabe. Wenn Sie eine bestimmte Toleranz brauchen, sprechen Sie uns an, bevor sie auf der Zeichnung steht – wir sagen Ihnen, was in der gewünschten Legierung realistisch beschaffbar ist. Ausführlicher steht das im Beitrag Toleranzen bei gezogenen Stangen.

Oberflächenbehandlung

Die Regel ist einfach und wird trotzdem regelmäßig übersehen: Kupfer verdirbt die Eloxalschicht. Je höher der Kupfergehalt, desto schlechter das Ergebnis – dekorativ wie technisch. Deshalb liegen 2007, 2011, 2017A und 2024 beim dekorativen Anodisieren bei „weniger geeignet“, während 6082, 6061 und 7075 mit „gut“ bis „sehr gut“ bewertet sind.

Wer eine sichtbare eloxierte Oberfläche braucht und trotzdem gut zerspanen will, hat drei Optionen: EN AW-6262A, EN AW-6026 in der Ausführung LF oder – mit Abstrichen – EN AW-2033, das mit rund 2,2 bis 2,7 % Kupfer deutlich unter EN AW-2011 mit 5 bis 6 % liegt.

Beim Hartanodisieren ist das Feld anders sortiert: Hier schneiden 6082, 6061, 7075 und 6262A mit „sehr gut“ am besten ab.

Fünf typische Fehlgriffe

  1. 6082 für ein Massendrehteil. Funktioniert, kostet aber Taktzeit und Werkzeuge. Bei hohem Zerspanungsanteil gehört eine Automatenlegierung hin.
  2. 2011 für ein eloxiertes Sichtteil. Das Ergebnis ist fleckig und dunkel. Bei Sichtanforderung 6262A oder 6026 LF nehmen.
  3. T6 statt T651 bei dickwandigen Frästeilen. Der Verzug kommt zuverlässig, oft erst nach dem Messen.
  4. 2000er-Reihe im Außeneinsatz ohne Beschichtung. Kupferhaltiges Aluminium ist nicht witterungsbeständig – hier gehört eine 6000er- oder 5000er-Legierung hin.
  5. 7075 für ein geschweißtes Bauteil. Die Schweißeignung ist nur mittelmäßig, und die Festigkeit in der Wärmeeinflusszone bricht ein. Für geschweißte Konstruktionen 6082 oder 5083.

Häufige Fragen

6082 oder 6060 – was ist der Unterschied?

EN AW-6060 ist die weichere Profillegierung mit sehr guter Oberfläche und exzellenter Eloxierbarkeit, EN AW-6082 die festere Konstruktionslegierung. Für tragende Teile 6082, für eloxierte Sichtprofile 6060 oder 6063.

6061 oder 6082?

Beide sind AlMgSi-Konstruktionslegierungen mit sehr ähnlichem Profil. 6082 ist in Europa der Standard und etwas fester, 6061 international verbreiteter und etwas duktiler. Bei Zeichnungen aus dem angelsächsischen Raum steht meist 6061; für den Ersatz durch 6082 lohnt der Blick auf die Festigkeitsanforderung.

Welche Legierung eloxiert am besten?

Für dekoratives Anodisieren die 6000er-Reihe, allen voran 6060 und 6063. Für Hartanodisieren 6082, 6061, 7075 und 6262A. Die 2000er-Reihe ist für beides nur eingeschränkt geeignet.

Was bedeutet T651 genau?

Lösungsgeglüht, durch kontrolliertes Recken entspannt und anschließend warmausgelagert. Der Zusatz „51“ steht für das Recken – der Grund, warum sich das Material beim Zerspanen deutlich weniger verzieht. Mehr zu Zustandsbezeichnungen im Beitrag R410, H080, T651: Was die Zustandsangaben bedeuten.

Welche Legierung nehme ich, wenn ich bleifrei zerspanen muss?

EN AW-2033 oder 2077 als Ersatz für 2007, 2011 und 2030; EN AW-6026 LF oder 6262A als Ersatz für 6262 und 6023. Details im Beitrag Bleifreie Aluminium-Automatenlegierungen im Vergleich.

Was haben Sie am Lager?

Die Werkstoff- und Abmessungstabellen mit Kennzeichnung von Lagerware und kurzfristig lieferbarer Ware finden Sie auf der Aluminium-Produktseite. Zuschnitte fertigen wir im Haus.

Fazit

Die Werkstoffwahl entscheidet sich an vier Fragen: Zerspanungsanteil, Festigkeit, Einsatzumgebung, Nachbehandlung. Wer sie in dieser Reihenfolge beantwortet, landet fast immer bei zwei bis drei Kandidaten – und die Entscheidung dazwischen ist dann eine Frage von Verfügbarkeit und Preis.

Genau an dieser Stelle lohnt ein Anruf: Wir sagen Ihnen, welcher der Kandidaten in Ihrer Abmessung, Ihrem Zustand und Ihrer Menge realistisch beschaffbar ist – und was die Alternative kostet. Sprechen Sie uns an.

Stand: 18. August 2026. Bewertungen nach unseren Werkstoffdatenblättern, Kennwerte nach EN 573-3 beziehungsweise Werksangaben; verbindlich ist das Werkszeugnis der jeweiligen Lieferung.