EN AW-6026LF im Lebensmittelkontakt: was die Prüfungen zeigen
Wer Bauteile für Abfüllanlagen, Verpackungsmaschinen oder Dosieraggregate konstruiert, kennt die Situation: Der Werkstoff soll sich gut zerspanen lassen, maßhaltig bleiben, korrosionsbeständig sein – und er soll im Zweifel auch dann noch zulässig sein, wenn er in einer Reinigungspause mit Produkt in Berührung kommt. Bei Aluminium führt dieser Anforderungsmix meist zu einem Kompromiss: Entweder man nimmt eine gut zerspanbare, aber bleihaltige Automatenlegierung, oder man nimmt EN AW-6082 und lebt mit langen, wickelnden Spänen.
Mit EN AW-6026LF gibt es seit einigen Jahren einen dritten Weg. Die Legierung erreicht ihre Zerspanbarkeit über Wismut statt über Blei. Für die Lebensmittel- und Verpackungstechnik ist sie damit grundsätzlich interessant – und genau deshalb lohnt es sich, die Frage der Eignung für den Lebensmittelkontakt sorgfältig zu betrachten, statt sie mit einem Etikett zu beantworten.
Warum es keine einfache Antwort auf „lebensmittelecht“ gibt
Für Kunststoffe gibt es mit der Verordnung (EU) Nr. 10/2011 eine harmonisierte europäische Regelung mit Positivliste und Migrationsgrenzwerten. Für Metalle und Legierungen gibt es das nicht. Es gilt der allgemeine Rahmen der Verordnung (EG) Nr. 1935/2004: Materialien dürfen keine Bestandteile in Mengen an Lebensmittel abgeben, die die menschliche Gesundheit gefährden oder Zusammensetzung, Geschmack oder Geruch unvertretbar verändern.
Als praktischer Bewertungsmaßstab hat sich europaweit der Technische Leitfaden des Europarats „Metals and alloys used in food contact materials and articles“ durchgesetzt, der seit 2024 in zweiter Auflage vorliegt (EDQM). Er enthält spezifische Freisetzungsgrenzwerte (SRL) je Element, bezogen auf ein Kilogramm Lebensmittel:
| Element | Spezifischer Freisetzungsgrenzwert (mg/kg Lebensmittel) |
|---|---|
| Aluminium | 5 |
| Kupfer | 4 |
| Zink | 5 |
| Eisen | 40 |
| Nickel | 0,14 |
| Zinn | 100 |
| Blei | 0,010 |
| Cadmium | 0,005 |
| Wismut | kein spezifischer Wert im Leitfaden |
Quelle: EDQM, Metals and alloys used in food contact materials and articles, 2. Auflage 2024. Der Leitfaden ist rechtlich nicht bindend, wird aber von den meisten europäischen Überwachungsbehörden als Bewertungsgrundlage herangezogen.
Die letzte Zeile ist der entscheidende Punkt für EN AW-6026LF: Wismut ist im Leitfaden nicht mit einem eigenen Grenzwert belegt. Damit gibt es keinen amtlichen Maßstab, gegen den man ein Prüfergebnis einfach abgleichen könnte. Eine Bewertung muss deshalb toxikologisch hergeleitet werden – und sie bleibt eine Einzelfallbewertung für die konkrete Anwendung.
Der Werkstoff im Steckbrief
EN AW-6026LF ist eine aushärtbare Legierung der 6000er-Reihe (AlMgSi) mit Wismut als spanbrechendem Element. Das Kürzel „LF“ steht für „lead free“ und ist eine Handelsbezeichnung; normativ entspricht der Werkstoff der registrierten Legierung 6026 beziehungsweise 6026A.
Chemische Zusammensetzung (Richtwerte)
| Element | Gehalt |
|---|---|
| Silizium | 0,60 – 1,4 % |
| Magnesium | 0,60 – 1,2 % |
| Mangan | 0,20 – 1,0 % |
| Kupfer | 0,20 – 0,50 % |
| Wismut | 0,50 – 1,5 % |
| Chrom | max. 0,30 % |
| Zink | max. 0,30 % |
| Titan | max. 0,20 % |
| Eisen | max. 0,7 % |
| Blei | max. 0,10 % |
| Aluminium | Rest |
Zwei Werte verdienen Aufmerksamkeit. Der Bleigehalt von höchstens 0,10 % hält die RoHS-Grenze von 0,1 % im homogenen Werkstoff ein; die Legierung kommt damit ohne Rückgriff auf eine Ausnahme des RoHS-Anhangs III aus. Und die Zerspanbarkeit kommt vollständig aus dem Wismut, nicht aus Zinn. Das ist kein Zufall: Zinn erhöht die Warmrissneigung beim Strangpressen und bei der Wärmebehandlung; Legierungen, die Zinn als Spanbrecher einsetzen — etwa EN AW-6023 mit 0,60 bis 1,20 % Zinn —, erkaufen sich die Zerspanbarkeit mit einem Duktilitätsnachteil.
Mechanische Mindesteigenschaften
| Zustand | Abmessung | Rm min. (MPa) | Rp0,2 min. (MPa) | A min. (%) | Härte (HBW) |
|---|---|---|---|---|---|
| T6 / T6510 / T6511, stranggepresst | > 20–125 mm | 370 | 300 | 8 | 95 |
| T8, gezogen | ≤ 80 mm | 345 | 315 | 4 | 95 |
| T9, gezogen | ≤ 80 mm | 360 | 330 | 4 | 95 |
Weitere Kennwerte: Dichte 2,74 g/cm³, Elastizitätsmodul 69.600 MPa, elektrische Leitfähigkeit 26 MS/m, Wärmeleitfähigkeit 172 W/(m·K), spezifische Wärmekapazität 891 J/(kg·K), Wärmeausdehnungskoeffizient 23,4 · 10-6/°C. Die Zerspanbarkeit ist mit einem Zerspanungsindex von 3.500 Spänen je 100 g angegeben, die Korrosionstiefe nach ISO 11846 B mit 250 µm.
Bei stranggepressten Stangen fällt die Festigkeit mit zunehmendem Durchmesser ab. Wer nahe an der Streckgrenze auslegt, sollte den Zustand und den Durchmesserbereich in der Bestellung ausdrücklich festlegen – die Werte gelten nicht pauschal für jede Abmessung.
Was tatsächlich geprüft wurde
Die Untersuchungen, auf die sich die Aussage zur Eignung für den Lebensmittelkontakt stützt, umfassen drei Blöcke:
1. Metallurgische Charakterisierung. Rasterelektronenmikroskopie (REM), energiedispersive Röntgenspektroskopie (EDS) und optische Emissionsspektrometrie mit Glimmentladung (GD-OES) an eloxierten Oberflächen. Ergebnis: keine relevanten Wismut-Anreicherungen in der Eloxalschicht. Praktische Bedeutung: Die schützende Oxidschicht wirkt als Barriere; die Aussage ist an eine intakte Eloxalschicht gebunden.
2. Korrosionsprüfung. Beständigkeit gegenüber salzhaltigen Lösungen bei Temperaturen bis 50 °C.
3. Migrationsprüfungen nach den üblichen europäischen Bedingungen mit den Simulanzien Wasser, verdünnte Essigsäure, Ethanol und Öl. Die in der Fachliteratur veröffentlichten Wismut-Freisetzungswerte für EN AW-6026LF im Zustand T9 liegen dabei sehr niedrig:
| Prüfbedingung | Simulanz | Wismut-Freisetzung |
|---|---|---|
| 10 Tage bei 60 °C | 3 % Essigsäure | 0,4 mg/kg |
| 4 Stunden bei 100 °C | 3 % Essigsäure | 0,2 mg/kg |
| 10 Tage bei 60 °C | Wasser, 10 % Ethanol, Öl | jeweils unter der Bestimmungsgrenze (< 0,1 mg/kg) |
| 175 °C | Öl | < 0,1 mg/kg |
Die veröffentlichte Bewertung leitet aus toxikologischen Daten einen tolerierbaren Aufnahmewert für Wismut ab und kommt zu dem Ergebnis, dass alle gemessenen Werte deutlich darunter liegen.
Das ist ein belastbarer Befund – und es ist ein anderer Befund als „lebensmittelecht“.
Wo die Grenze verläuft: DIN EN 602
Für Aluminium-Knetwerkstoffe im Lebensmittelkontakt existiert die Norm DIN EN 602 „Aluminium und Aluminiumlegierungen – Halbzeug – Chemische Zusammensetzung von Halbzeug für die Herstellung von Gegenständen für den Gebrauch mit Lebensmitteln“. Sie begrenzt die zulässigen Legierungsbestandteile eng. Ein Wismutgehalt in der Größenordnung von 0,5 bis 1,5 % ist dort nicht vorgesehen. Entsprechend führt mindestens ein etablierter Halbzeuglieferant EN AW-6026LF im Datenblatt ausdrücklich als nicht lebensmittelecht nach DIN EN 602.
Beides gleichzeitig ist richtig, und der Widerspruch löst sich, wenn man die beiden Wege auseinanderhält:
| Weg | Was er bedeutet | Für EN AW-6026LF |
|---|---|---|
| Konformität über DIN EN 602 | Der Werkstoff steht in einer normativen Zusammensetzungsliste. Kein Migrationsnachweis im Einzelfall nötig. | nicht erfüllt |
| Konformitätsbewertung im Einzelfall nach 1935/2004, gestützt auf Migrationsdaten | Der Anwender bewertet die konkrete Anwendung: Kontaktart, Temperatur, Dauer, Lebensmittelkategorie, Oberflächenzustand. | möglich, gestützt auf die vorliegenden Prüfdaten |
Praktische Folge: EN AW-6026LF ist ein sinnvoller Werkstoff für Bauteile in der Lebensmittel- und Verpackungstechnik, wenn die Konformitätsbewertung anwendungsbezogen geführt wird. Für Gegenstände, bei denen ein Kunde ausdrücklich Konformität nach DIN EN 602 verlangt, ist er es nicht.
Wofür sich die Legierung eignet – und wofür nicht
Gut geeignet:
- Zerspanungsintensive Präzisionsteile in Verpackungs-, Abfüll- und Dosieranlagen: Ventilkörper, Düsenhalter, Führungen, Sternräder, Formatteile
- Bauteile mit indirektem Lebensmittelkontakt in hygienisch anspruchsvollen Produktionsbereichen
- Vorrichtungs- und Werkzeugteile, die maßhaltig bleiben und gut zu reinigen sein müssen
- Anwendungen, in denen bislang EN AW-6262 oder EN AW-2007 eingesetzt wurden und der Bleigehalt zum Problem wird
Weniger geeignet:
- Großflächige, geschweißte Konstruktionen – hier bleiben EN AW-5754, EN AW-5083 oder EN AW-6082 die naheliegenden Werkstoffe
- Anwendungen mit ausdrücklicher Forderung nach DIN EN 602
- Stark umformbelastete Bauteile: Die Wismut-Ausscheidungen, die für den Spanbruch sorgen, sind bei Kaltumformung kein Vorteil
- Dauerkontakt mit stark sauren Medien bei erhöhter Temperatur ohne eigene Absicherung
Zur Oberflächenbehandlung: Schutz- und Hartanodisieren sind nach unserem Werkstoffdatenblatt gut geeignet, ebenso das MIG-/WIG- und das Widerstandsschweißen; Weich- und Hartlöten liegen im mittleren Bereich. Für die Lebensmitteltechnik ist der Punkt wichtig, weil die Migrationsprüfungen an eloxierten Oberflächen durchgeführt wurden — die Oxidschicht wirkt als Barriere. Wenn die Schicht funktionskritisch ist, bemustern Sie vor der Serienfreigabe mit Ihrem Beschichter.
Was Sie für Ihre eigene Dokumentation brauchen
Ein Anwender, der ein Bauteil mit Lebensmittelkontakt in Verkehr bringt, braucht in aller Regel:
- Werkstoffzeugnis – bei NE-Halbzeugen üblicherweise ein Abnahmeprüfzeugnis 3.1 nach EN 10204 mit chemischer Analyse, mechanischen Werten und Chargenbezug
- Angaben zur Zusammensetzung in der für die Bewertung nötigen Tiefe, insbesondere zu Wismut, Blei und Zinn
- Migrationsdaten oder eine Herstellererklärung, auf die die eigene Bewertung aufsetzen kann
- Eine eigene Konformitätserklärung nach Verordnung (EG) Nr. 1935/2004, die Kontaktbedingungen, Lebensmittelkategorie und Reinigungsregime beschreibt
Die Punkte 1 bis 3 liefern wir mit der Lieferung beziehungsweise beschaffen wir beim Werk. Punkt 4 bleibt beim Inverkehrbringer des Endprodukts – diese Verantwortung kann ein Halbzeuglieferant nicht übernehmen.
Verfügbarkeit, Datenblatt und Anarbeitung
EN AW-6026 in der Ausführung LF führen wir als Rund- und Sechskantstange, als Formstange und Profil sowie als Zuschnitt nach Zeichnung. Gezogen liefern wir Rund von 6 bis 80 mm und Sechskant von 13 bis 80 mm, stranggepresst Rund von 20 bis 125 mm und Sechskant von 15 bis 85 mm; Formstangen und Profile nach Querschnittsfläche. Zuschnitte auf Fixlänge fertigen wir im eigenen Haus. Welche Abmessungen aktuell am Lager liegen, zeigt die Werkstofftabelle auf unserer Aluminium-Produktseite; die Anarbeitungsmöglichkeiten sind unter Dienstleistungen beschrieben.
Datenblätter zu diesem Werkstoff und seinen Alternativen
- Werkstoffdatenblatt EN AW-6026, Ausführung LF — der hier beschriebene Werkstoff (PDF)
- Werkstoffdatenblatt EN AW-6026 — bleihaltige Ausführung zum Vergleich (PDF)
- Werkstoffdatenblatt EN AW-6262A — bleifrei, Hartanodisieren sehr gut (PDF)
- Werkstoffdatenblatt EN AW-6082 — Konstruktionslegierung für großflächige, geschweißte Bauteile (PDF)
Stand 08/2026, mit vollständiger Zusammensetzung, physikalischen und mechanischen Kennwerten, Formgebung, Oberflächenbehandlung und Abmessungsbereichen. Werkszeugnisse nach EN 10204 liefern wir zur jeweiligen Charge mit. Eine Übersicht aller Aluminium-Datenblätter finden Sie im Beitrag Bleifreie Aluminium-Automatenlegierungen.
Häufige Fragen
Ist EN AW-6026 LF bleifrei?
Der Bleigehalt liegt bei höchstens 0,10 % und hält damit die RoHS-Grenze von 0,1 % im homogenen Werkstoff ein. Die Legierung kommt ohne die Ausnahmeregelungen des RoHS-Anhangs III aus. „Bleifrei“ im Sinne von „null Blei“ ist bei einem technischen Werkstoff aus Sekundärmaterial praktisch nicht darstellbar; maßgeblich ist die Einhaltung des Grenzwerts. Eine Übersicht der Regelwerke finden Sie im Beitrag Blei in NE-Metallen.
Darf ich die Legierung für direkten Lebensmittelkontakt einsetzen?
Die vorliegenden Migrationsdaten sprechen dafür, dass die Freisetzung sehr niedrig ist. Die Konformitätsbewertung für Ihre konkrete Anwendung müssen Sie dennoch selbst führen, weil es für Metalle keine harmonisierte EU-Regelung gibt. Wenn Ihr Kunde Konformität nach DIN EN 602 verlangt, ist EN AW-6026LF nicht der richtige Werkstoff.
Wie unterscheidet sich EN AW-6026LF von EN AW-6262?
Beide sind AlMgSi-Automatenlegierungen mit ähnlichem Festigkeitsniveau. EN AW-6262 nutzt Blei und Wismut gemeinsam als Spanbrecher, EN AW-6026LF verzichtet auf Blei. Wo der Bleigehalt regulatorisch oder gegenüber dem Endkunden zum Thema wird, ist 6026LF der direkte Ersatz.
Muss ich meine Schnittdaten anpassen?
In der Regel ja, wenn Sie von einer bleihaltigen Legierung umsteigen. Typische Richtwerte für das Drehen liegen bei vc 150 bis 600 m/min und f 0,15 bis 0,8 mm/U. Bewährt haben sich positive Wendeschneidplatten mit Spanbrechergeometrien aus der Stahlbearbeitung statt klassischer Aluminium-Geometrien sowie reines Schneidöl anstelle einer Emulsion. Details im Beitrag Bleifreie Aluminium-Automatenlegierungen im Vergleich.
Welche Zeugnisse liefern Sie mit?
Standardmäßig ein Abnahmeprüfzeugnis 3.1 nach EN 10204 mit Chargenbezug. Bei Anarbeitung im eigenen Haus stellen wir die Rückverfolgbarkeit zum Originalzeugnis sicher.
Ist die Legierung für die Medizintechnik geeignet?
Für zerspanungsintensive Bauteile ohne Körperkontakt spricht technisch nichts dagegen. Für Anwendungen mit Körperkontakt oder Implantatbezug gelten eigene Anforderungen, die ein Aluminium-Automatenwerkstoff üblicherweise nicht abdeckt. Welche Branchen wir beliefern, sehen Sie unter Branchen.
Fazit
EN AW-6026LF ist ein technisch überzeugender Werkstoff für zerspanungsintensive Bauteile in der Lebensmittel- und Verpackungstechnik. Die vorliegenden Prüfdaten zeigen eine sehr geringe Wismut-Freisetzung, auch unter verschärften Bedingungen. Was sie nicht liefern, ist eine pauschale Freigabe: Für Metalle im Lebensmittelkontakt gibt es keine harmonisierte europäische Regelung, und die Konformitätsbewertung bleibt anwendungsbezogen. Wer das weiß und entsprechend dokumentiert, hat mit dieser Legierung einen guten Werkstoff. Wer eine Konformität nach DIN EN 602 braucht, sollte einen anderen wählen.
Wenn Sie eine konkrete Anwendung prüfen: Rufen Sie uns an. Wir klären mit dem Werk, welche Prüfberichte und Erklärungen für Ihren Fall verfügbar sind, und schlagen Ihnen gegebenenfalls einen Alternativwerkstoff vor.
Stand: 18. August 2026. Regulatorische Angaben werden jährlich überprüft. Kennwerte nach Werksangaben; verbindlich ist das Werkszeugnis der jeweiligen Lieferung.