R410, H080, T651: Was die Zustandsangaben auf Ihrer Bestellung bedeuten

„CuZn40 R410“ oder „EN AW-6082 T651“ – solche Angaben stehen auf jeder zweiten Bestellung, und sie sind kein Beiwerk. Sie entscheiden über Festigkeit, Härte, Umformbarkeit und Verzug. Trotzdem werden sie regelmäßig weggelassen, falsch kombiniert oder mit „hart“ und „halbhart“ umschrieben.

Dieser Beitrag erklärt beide Systeme – das für Kupferwerkstoffe und das für Aluminium – und was passiert, wenn man sie verwechselt.

Warum es Zustände überhaupt gibt

Halbzeug entsteht durch Umformen: Pressen, Ziehen, Walzen. Jeder dieser Schritte verfestigt das Material. Wärmebehandlungen machen das teilweise wieder rückgängig oder bewirken bei aushärtbaren Legierungen das Gegenteil. Dieselbe Legierung kann deshalb – je nach Vorgeschichte – die doppelte Festigkeit und ein Fünftel der Bruchdehnung haben.

Der Zustand ist die Kurzschrift für diese Vorgeschichte. Ohne ihn ist eine Werkstoffangabe unvollständig.

Kupferwerkstoffe: die Systematik nach EN 1173

Bei Kupfer, Messing, Bronze und Neusilber besteht die Zustandsangabe aus einem Kennbuchstaben und einer dreistelligen Zahl. Der Buchstabe sagt, welche Eigenschaft garantiert wird, die Zahl nennt deren Mindestwert.

KennbuchstabeGarantierte EigenschaftBeispiel
RZugfestigkeit Rm in N/mm²R410 = mindestens 410 N/mm²
HHärte in HB oder HVH080 = mindestens 80 HBW
Y0,2-%-Dehngrenze Rp0,2Y350
ABruchdehnungA030
BFederbiegegrenzerelevant bei Bändern für Federn und Steckverbinder
GKorngröße in mmG010 = 0,010 mm, bei Tiefzieh- und Federbändern
Mwie gefertigt, ohne festgelegte mechanische EigenschaftenM
Dgezogen, ohne festgelegte mechanische EigenschaftenD

Ein angehängtes S bedeutet zusätzlich spannungsarm geglüht.

In der Praxis werden die Zustände oft mit „weich“, „halbhart“, „hart“, „federhart“ und „doppelfederhart“ umschrieben. Beim Band aus CuZn37 entspricht das etwa der Reihe R300 – R350 – R410 – R480 – R550. Diese Umschreibungen sind bequem, aber nicht genormt – im Zweifel gilt die Zahl.

Warum R und H nicht ineinander umrechenbar sind

Das ist der wichtigste Punkt des ganzen Themas. Zugfestigkeit und Härte korrelieren zwar, aber sie sind nicht dasselbe. Die Norm sieht deshalb vor, dass nur ein Zustand bestellt werden kann – entweder R oder H, nicht beides.

Wer „R410 und mindestens 120 HB“ bestellt, verlangt zwei Garantien, die der Hersteller nicht gemeinsam zusichern kann. In der Praxis führt das zu Rückfragen, im schlechteren Fall zu einer Lieferung, die eine der beiden Angaben nicht erfüllt – ohne dass jemand einen Fehler gemacht hätte.

Faustregel: Wenn Sie ein Bauteil auslegen, bestellen Sie R. Wenn Sie eine Oberfläche oder einen Verschleißpartner beurteilen, bestellen Sie H.

Ein Bestellbeispiel

Die Produktnormen sehen eine feste Reihenfolge vor. Ein vollständiges Beispiel für eine Sechskantstange:

Stange EN 12163 – CuZn40 – R410 – HEX 14 B – RD

Also: Produktnorm, Werkstoff, Zustand, Form mit Schlüsselweite und Toleranzklasse, Lieferform. Fehlt der Zustand, entscheidet das Werk – und liefert in der Regel das, was gerade auf Lager ist.

Aluminium: die Systematik nach EN 515

Bei Aluminium funktioniert es völlig anders. Die Zustandsangabe beschreibt nicht eine garantierte Eigenschaft, sondern die Behandlungsgeschichte. Die Kennwerte ergeben sich daraus und stehen in der Produktnorm.

KennbuchstabeBedeutung
FHerstellungszustand, keine festgelegten Eigenschaften
Oweichgeglüht
Hkaltverfestigt (nicht aushärtbare Legierungen, etwa die 5000er-Reihe)
Twärmebehandelt (aushärtbare Legierungen: 2000er, 6000er, 7000er)
Wlösungsgeglüht, instabiler Zwischenzustand

Achtung, Stolperstelle: Das „H“ bedeutet bei Aluminium kaltverfestigt, bei Kupferwerkstoffen dagegen Härte. Zwei Systeme, derselbe Buchstabe, völlig unterschiedliche Bedeutung. Wer Bestellungen für beide Werkstoffgruppen bearbeitet, sollte das im Kopf haben.

Die T-Reihe im Detail

ZustandBehandlungTypische Verwendung
T3lösungsgeglüht, kaltumgeformt, kaltausgelagertgezogene Stangen der 2000er-Reihe
T4lösungsgeglüht, kaltausgelagertwenn nach der Bearbeitung noch umgeformt wird
T6lösungsgeglüht, warmausgelagertder Standardfall für tragende Bauteile
T651wie T6, zusätzlich durch kontrolliertes Recken entspanntimmer dann, wenn viel Material ausgeräumt wird
T652wie T6, durch Stauchen entspanntSchmiedeteile
T8lösungsgeglüht, kaltumgeformt, warmausgelagerthöhere Streckgrenze, geringere Bruchdehnung
T6510 / T6511wie T651, gereckt ohne bzw. mit anschließendem Richtenstranggepresste Profile und Stangen

Die zweistelligen Anhänge sind der praktisch wichtigste Teil. „51“ heißt: durch Recken entspannt. Eine dickwandige Platte in T6 trägt Eigenspannungen aus dem Abschrecken; wird beim Fräsen einseitig Material abgetragen, verzieht sich das Bauteil – manchmal erst Stunden nach der Bearbeitung. T651 löst genau dieses Problem.

Wer T651 nicht ausdrücklich bestellt, bekommt T6. Bei Platten für den Formen- und Vorrichtungsbau gehört die Angabe deshalb in jede Bestellung.

Die H-Reihe bei Aluminium

Bei nicht aushärtbaren Legierungen – vor allem der 5000er-Reihe – beschreibt eine zweite Ziffer den Grad der Kaltverfestigung, eine dritte gegebenenfalls eine Zwischenbehandlung. H14 ist halbhart, H18 hart, H24 halbhart und rückgeglüht. Für Stangen und Zuschnitte im Zerspanungsumfeld spielt die Reihe kaum eine Rolle, für Bleche und Bänder sehr wohl.

Typische Fehler

  1. Zustand weggelassen. „CuZn39Pb3 Ø 20 mm“ ist keine vollständige Bestellung. Sie bekommen, was am Lager liegt.
  2. R und H gleichzeitig gefordert. Nur einer von beiden ist bestellbar.
  3. T6 bestellt, T651 gemeint. Der Klassiker im Formenbau – und die häufigste Ursache für unerklärlichen Verzug.
  4. „hart“ statt einer Zahl. Für CuZn37-Band kann „hart“ R410 bedeuten, für eine Stange etwas anderes. Die Umschreibungen sind nicht genormt.
  5. Aluminium-H mit Kupfer-H verwechselt. H14 bei einer Aluminiumlegierung ist eine Kaltverfestigungsstufe, H140 bei Messing eine Härteangabe.
  6. Zustand ohne Abmessungsbezug. Bei stranggepressten Stangen fallen die Kennwerte mit steigendem Durchmesser ab. Der Zustand allein sagt nichts, wenn die Abmessung fehlt.

Häufige Fragen

Was bedeutet R410 bei Messing?

Eine garantierte Mindestzugfestigkeit von 410 N/mm². Die Härte ist damit nicht zugesichert – auch wenn sie erfahrungsgemäß in einem bestimmten Bereich liegt.

Was ist der Unterschied zwischen H080 und R410?

H080 garantiert mindestens 80 HBW Härte, R410 mindestens 410 N/mm² Zugfestigkeit. Die beiden Angaben lassen sich nicht ineinander umrechnen, und es kann nur eine von beiden bestellt werden.

Was heißt „halbhart“ genau?

Es ist eine Umschreibung ohne Normbezug. Bei CuZn37-Band entspricht es üblicherweise R350 beziehungsweise H095, bei anderen Werkstoffen und Halbzeugformen anderen Werten. Nennen Sie im Zweifel die Zahl.

Wann brauche ich T651 statt T6?

Immer, wenn Sie aus dickerem Material viel abtragen – Frästeile aus Platten, tiefe Taschen, einseitige Bearbeitung. Bei dünnen Querschnitten und gleichmäßigem Abtrag ist T6 unkritisch.

Gilt der Zustand auch nach meiner Bearbeitung?

Die zugesicherten Kennwerte beziehen sich auf den Lieferzustand des Halbzeugs. Wärmezufuhr beim Schweißen oder Löten verändert sie lokal – bei ausgehärteten Zuständen erheblich. Bei geschweißten Bauteilen ist die Wärmeeinflusszone auszulegen, nicht der Lieferzustand.

Was schreibe ich in die Bestellung?

Norm, Werkstoff, Zustand, Abmessung mit Toleranzangabe, Lieferform und Länge. Bei Kupferwerkstoffen zum Beispiel „EN 12164 – CuZn39Pb3 – R430 – RND 20 – Klasse A“, bei Aluminium „EN 754-3 – EN AW-6082 – T651 – Ø 40“.

Fazit

Zwei Systeme, zwei Logiken: Bei Kupferwerkstoffen sagt der Zustand, welche Eigenschaft garantiert wird. Bei Aluminium sagt er, was mit dem Material gemacht wurde. Wer das auseinanderhält und bei Kupfer nur eine Eigenschaft, bei Aluminium den vollständigen Zusatz bestellt, vermeidet die meisten Rückfragen und einen Teil der Reklamationen.

Wenn Sie unsicher sind, welcher Zustand zu Ihrem Bauteil passt: Nennen Sie uns die Anwendung, nicht die Bezeichnung. Wir übersetzen das in eine bestellbare Angabe. Zum Sortiment: Aluminium, Messing, Kupfer, Bronze, Neusilber. Sprechen Sie uns an.

Stand: 18. August 2026. Maßgeblich sind die jeweils gültigen Fassungen von EN 1173, EN 515 und der einschlägigen Produktnormen.